Didaktisches Coaching
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Teilnehmende Beobachtung

... didaktischer Situationen setzt durchaus eine gewisse didaktische Expertise voraus. Solche Expertise geht zum Beispiel Studierenden der Lehrämter bei Praktika nicht selten durchaus noch ab. Sie verstehen manchmal einfach noch zu wenig von der Kunst des Unterrichtens. Sie wissen zu wenig, worauf es in den konkreten Situationen didaktischen Handelns ankommt - und deshalb sehen sie einfach auch nicht klar genug, worauf es in kritischen Momenten ankommt. Man muß eben die Regeln des Spiels kennen, das man beobachtet und beurteilt. Aber was genau heißt das?

Wer Unterricht beobachtet, der teilt weder den Standpunkt des Akteurs noch den eines Außenstehen. Er nimmt die Perspektive der engagierten und interessierten Dritten Person ein.* Er versucht, das was geschieht, im Kontext dessen zu beschreiben, was auch hätte geschehen können. Und das, was geschehen kann, vor dem Hintergrund dessen zu beurteilen, was vernünftigerweise hätte geschehen sollen. Unterrichtsbeobachtung, heißt das, geht nicht ohne einen begrifflichen Bezugsrahmen der Beschreibung, und die Beschreibung schließt eine Beurteilung ein. Ob eine Lehrprobe gelingt, läßt sich nicht unabhängig von einer Vorstellung dessen feststellen, was guten Unterricht ausmacht.

Die Tatsachen des Unterrichtens sind also nicht ohne wertende Stellungnahmen zu haben. (Die allerdings sollte man verständlich darstellen und überzeugend begründen können. Gerade auch dann, wenn es um Qualifikationen geht.) Aber eine vergleichsweise rationale Analyse und Kritik unterrichtlichen Handelns muß mehr beinhalten als treffende Beobachtungen, verständige Beschreibungen und begründete Bewertungen. Sie ist erst dann wirklich Perspektiven erweiternd (und Kompetenzen fördernd), wenn didaktische Phantasie ins Spiel kommt. Wenn überzeugend gezeigt werden kann, dass es weitere, weiter führende Alternativen des Unterrichtens gibt als eben nur jene, die in kritischen Situationen gewählt worden sind. Kurz - eine noch so intelligente und plausible analytische Unterrichtskritik bleibt folgenlos, wenn sie nicht konstruktiv ist.

Standardisierte Verfahren können bei der Unterrichtsanalyse eine Rolle spielen; vorausgesetzt, man ist sich darüber im klaren, was da genau standisiert worden ist - und wozu. Quantitative Interaktionsanalysen zum Beispiel machen ja nur dann Sinn, wenn auf sie ein durchdachtes Konzept der Qualität unterrichtlicher Interaktionen, von Unterrichtsqualität zurückgehen.

* Zum Spannungsverhältnis zwischen Beobachtung und Teilnahme, zur Fiktion reiner, externer Beobachtung in einer Perspektive, wie sie manche Hirnforscher bei der Darstellung von Bewusstseinsprozessen gegenwärtig einzunehmen versuchen, siehe: Seel, M.: Teilnahme und Beobachtung. Zu den Grundlagen der Freiheit. In: Neue Rundschau 4/2005; 141 - 153.