Didaktisches Coaching
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Laut-Buchstaben-Beziehung: trift oder trifft?
get und tifer: Auditive Wahrnehmungsstörung?!
Orthografisches Grundwissen: Groß- oder Kleinschreibung?
Konsonantenverdoppelung!
freunt: Schreibung am Wortende!
Wortbildungsprobleme: Unter WaserWelt?
Neuen freunt: Satzglied- und Wortartenverständnis!
LEGASTHENIKER?!
Erzählfähigkeit: Struktur des Textes?

 

Der Fall Manuel

Situationen des Didaktischen Coachings haben mit der Qualität des Unterrichtens und der Professionalität des Unterrichtenden zu tun. Also mit dem, was ein Kerncurriculum der Lehrerbildung vermittelt hat. (Oder vermittelt haben sollte.) Was sind, was wären die Kernkompetenzen?

Sicher auch die entwicklungsdiagnostische Kompetenz, die man für das Verständnis und die Förderung der Aneignung der elementaren Kulturtechniken braucht. Wie im Fall des Schreibversuchs des Erstklässlers Manuel:

1. Manuel entdeckt die Schrift (1. Schuljahr)

Er schreibt eine Swimmy-Geschichte - tastet sich dabei an die Orthographie heran. Wie verstehen Sie seine Schreibungen?

1.1 Manche Schreibungen von Manuel scheinen auf ein noch zu wenig entwickeltes Verständnis der so genannten Laut-Buchstaben-Beziehung zurückzugehen; so vielleicht:

Schbild
WaserWelt
get
tifer
freunt
mer

Was genau kann Manuel da noch nicht; wie erklären Sie sich Manuels Verständnis der Laut-Buchstaben-Beziehung?

Was macht für Sie die Laut-Buchstaben-Beziehung aus? Kommt es dabei darauf an, Laute eins-zu-eins in Buchstaben zu übertragen?

Wie könnte Manuel da gefördert werden? Etwa durch Übungen (zum Beispiel Spiele), die seine Hörfähigkeit fördern?

1.2 Andere Schreibungen Manuels sprechen vielleicht eher für ein noch zu wenig entwickeltes Verständnis dessen, was ein Wort ist:

Unter WaserWelt

Was ist hier beispielsweise Manuels Verständnis dessen, was ein Wort ausmacht?

Wenn Sie Manuel erklären sollten, was ein Wort ist: wie würden Sie das anstellen?

1.3 Vielleicht fehlt es Manuel auch an grammatischem Wissen für die Rechschreibung:

einen Neuen freunt
mit den Wal Schwimt er ums mer.

Welches grammatische Wissen würden Sie Manuel vermitteln, damit er die orthographisch korrekte Schreibung hinbekommt?

1.4 Manuel macht keine Satzzeichen... Tragen Sie probeweise Satzzeichen in den Text ein:

Welche würden Sie an welchen Stellen einsetzen - und warum? (Ändern Sie dabei auch die Schreibung der Satzanfänge, also des jeweils ersten Wortes im Satz.)

Wie würden sie Manuel zum Beispiel erklären wollen, warum er besser so schreiben sollte:

Er trift die Krake und spilt mit der Krake. Er get tiefer ins mer.

1.5 Hat Manuels Text denn nun eine klare gedankliche Gliederung - oder ist er eine Abfolge inhaltlich unverbunder Gedanken?

Beschreiben Sie die Reihenfolge der einzelnen Darstellungsschritte.

Entscheiden Sie: bringt Manuel eine geordnete Darstellung zustande?

1.6 Halten Sie in Stichworten Ihr diagnostisches Urteil im ganzen fest - und zwar so, wie sie es den Eltern bei einem Beratungsgespräch vermitteln würden:

Was kann Manuel schon, was kann er noch nicht?

2. Hintergrundinformation: Laut-Buchstaben-Beziehung; Lautzeichen - Schriftzeichen; Sprache und Schrift

Eine These:

Vieles was wir über die Sprache denken, denken wir (wenn wir genauer hinsehen) über die Schrift - von der Schrift her. Unser Verständnis von Wörtern, Sätzen, Texten, von den Intentionen und Interpretationen von sprachlichen Äußerungen orientiert sich an dem Bild der Sprache, das uns die Schrift vermittelt. Die Schrift ist die grammatische Interpretation der Sprache. Die Schrift ist fast ein zweites Sprachsystem.

Erläuterungen:

Wichtige Argumente für diese Auffassung finden Sie in dem Buch: Stetter, C.: Schrift und Sprache. Frankfurt am Main 1997.

Seine Intention: "Es kann in den Überlegungen dieses Buchs natürlich nur darum gehen, dem Zusamenhang von Sprache, Denken und Schrift von seiten des Alphabets näher zu kommen." (Stetter 1997; 49)

Seine Grundaussagen: Die Funktion der Orthographie: "Buchstaben werden und wurden erst recht nicht bei der Entwicklung des Alphabets dazu verwendet, Laute zu bezeichnen, sondern ausschließlich dazu, lesbare Wörter oder Texte zu schreiben." (Stetter 1997; 59) "Getrennt- und Zusammenschreibung, Groß- und Kleinschreibung und Interpunktion werden (...) ausschließlich von den syntagmatischen Relationen der Wörter des jeweiligen Textes bestimmt." (Stetter 1997; 65) "Wort und Satz werden so im jahrtausendelangen Gebrauch der Alphabetschrift als formale Kategorien des Textes allmählich ausgeprägt"... (Stetter 1997; 65) Dh.: Es gibt "einen intrinsischen Zusammenhang von Alphabetschrift und Grammatik" (Stetter 1997; 273) - und man kann gerade nicht sagen, daß "die Alphabetschrift die Sprache repräsentiere" (Stetter 1997; 273). "Doch eine Philosophie der Schrift (...) existiert bis heute bestenfalls in Ansätzen" (Stetter 1997; 278). Dabei müsse man "die genuinen Leistungen schriftlichen Handelns für die Entwicklung eines Typus von Intellektualität" sehen", "dessen Charakteristikum nicht die Semantik, sondern die Form ist" - also "den Zusammenhang von Alphabetschrift und Formalität". (Stetter 1997; 279)

"Wir schreiben, nicht um vorlesbare, sondern um lesbare Texte herzustellen." (Stetter 1997; 286) Und Schreiben sei ´die´ "Exteriosierung des Denkens": "Die Exteriosierung des Denkens, das Veräußerlichen von Operationen macht mit der technischen Differenzierung der Operationen Differenzierungen der Form des Produkts möglich, die ohne diese Technik undenkbar wären." (Stetter 1997; 289) Also: "die Schrift als Gedächtnisstütze, als Exteriorisierung eines Teils des zu Memorierenden und damit als Entlastung der memoria" (Stetter 1997; 291) "Das Denken selbst als ein zeitlicher Vorgang, weitgehend unzugänglich im Mündlichen, weil es sich in der Äußerung stets als je schon vollzogenes präsentiert, wird im Verfahren der Schrift zerstückelt, gedehnt <sic!> - und damit für Kontrolle und Planung disponibel." (Stetter 1997; 292)

"Schreiben hat stets die Form der Konstruktion eines Textes, und diese besteht in der Verknüpfung von Elementen - Wörtern, Sätzen, sonstigen Zeichen - zu einer Textur. Text ist dasjenige, was geschrieben und verstanden wird, die Textur das, was geschrieben ist und gelesen wird." (Stetter 1997; 294) "Der Charakter der Formalität, dem wir im Begriff der Grammatik auf die Spur gekommen waren, dasjenige, was Theorie ausmacht, muß sich aus der Differenz von Text und Textur entfalten." (Stetter 1997; 298)

Lesen ist also (B. Swi.) ein kognitiver Prozeß im Medium der Schrift, ist literalisierte Kognition. Wer liest, macht aus der literalen Textur einen Text - eben dadurch, daß er die Schriftzeichen orthographisch, grammatisch und logisch so zu re-konstruieren weiß, daß er sich vom Text das Bild eines Gefüges von Aussagen, Annahmen und Wertungen einer intentionalen Person machen kann...

Kommentar:

Die Vorstellung, die Schriftzeichen seien Bilder von/für Lautzeichen oder umgekehrt (eine ziemlich verbreitete) ist also eine sehr naive:
Wenn Kinder die Schrift erwerben, dann eignen sie sich das Medium (a) des Schreibens und Lesens von Texten, (b) des Nachdenkens über die Sprache, (c) der grammatischen Darstellung der Sprache (ihrer Regeln und Formen) an!

Wenn Kinder die Schrift gebrauchen, dann denken und handeln sie im Medium der Schrift. (Vergl. W. Ong zu den kognitiven und kommunikativen Funktionen der Schrift...)

3. Hintergrundinformation: Denken im Medium der Schrift?

Eine These:

Die Schrift ist eine Art Denkwerkzeug; wer sie kennt und kann, der kann seinen Denken eine andere Gestalt geben; er kann sich über seine Gedanken auf eine andere Weise Gedanken machen.

Erläuterungen:

Eine neue Sicht der Dinge finden Sie etwa bei: Clark, A.: Beeing There. Putting Brain, Body, and World Together Again. Cambridge, Mass. 1997:

Sprache, Schrift als Medien nicht bloß der Kommunikation, der Mitteilung, sondern des gemeinsamen, gemeinschaftlichen, des öffentlichen Denkens. Die Schrift dient nicht (nur) dazu, Gedanken zu haben und dann niederzuschreiben und mitzuteilen; die Schrift ist vielmehr das Medium, in dem wir denken, das Denken ist der Prozeß des Schreibens; "writing as an environmental manipulation that transforms the problem space for human brains" (Clark 1997; 197). Indem wir schreiben, erzeugen wir zeichenhafte, symbolische Darstellungen, die unsere Wahrnehmungen strukturieren, organisieren, modellieren - und eben dadurch auch Rückwirkungen haben auf die Prozesse und die Strukturen "im Kopf" und "im Gehirn". Die Menschen schaffen sich eben künstliche äußere Merk-Zeichen (Schriftzeichen etwa), die die Spuren ihres Denkens, ihrer Gedanken festhalten - und eben deswegen auf ihr Denken zurückwirken können.

Clarks glänzendes Bild: Die Entstehung der Mangrovenwälder auf Inseln als Clarks Bild: Der vom Wind verstreute Samen erzeugt den Boden - und nicht umgekehrt... Mit anderen Worten: Unsere Denkwerkzeuge wirken bei der Herstellung unserer Gedanken mit.

... und die Erfahrung des die Schrift lernenden Kindes: “Ich kann meine Gedanken zu Papier bringen - und mich dadurch anders mit ihnen auseinandersetzen. Ich kann mir auf eine andere Weise Gedanken über meine Gedanken machen”...

4. Weitere Hintergrundinformation: Stufen des Erwerbs der Schriftfähigkeit...