Didaktisches Coaching
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Jens: ehm. Ok. (liest.)
Heinrich von... bei welcher... ... und wollte sich erhenken – erhängen. Don Henrico Asteron -
Jan: Asterix!
Jens: also – der erzählt wirklich umständlich!
Tobias: und wie. Finde ich auch.
Caroline: und alleine schon die Wortwahl: zärtliches Einverständnis und so.
Lehrerin: und trotzdem! Sie verstehen schon, was Kleist sagen will; oder?
Sebastian: inhaltlich eher schon. Also, da geht es um ein Erdbeben. Und das erwischt -
Lehrerin: gut. Lassen Sie uns zunächst über den Inhalt sprechen. Worum geht’s?

Lehrerin: also, ich fand, das brachte nicht viel, das Vorlesen. Ist ja wohl auch nichts mehr für die Oberstufe.
Und zudem hatte ich den Eindruck, wir mussten erst mal inhaltlich weiter kommen.
Mentorin: Und, sind Sie´s ?
Lehrerin: Ich denke, schon. Es kam dann ne Menge über Erdbeben als Schicksalsschläge.
Mentorin: und Kleist?

 

Der einschlägige Fall: eine Methodik, eine Didaktik der Interpretation

Die Situation: Literaturunterricht in der Sekundarstufe II; ein exemplarischer Fall der Literaturgeschichte als Sujet einer Unterrichtseinheit: Kleists Erdbeben in Chili; Thema: Lektüre, eigene Interpretationen, klassische Interpretationen im sogenanten Methodenvergleich, literaturgeschichtliche Kontextualisierung, Interpretationsgeschichte(n), interpretationstheoretische Probleme.*

Der Einstieg: Erste Gespräche über individuelle Lektüren des Textes; erste erzählanalytische Versuche der inzwischen üblichen Art. Eines der Probleme dabei: Identifikatorische Lektüre bei der Auseinandersetzung mit Gehalt, Struktur, Form und Intention der Kleistschen Erzählung...

Eine exemplarische Unterrichtssequenz:

Laura: also, ich finde, der Kleist, der erzählt überhaupt nicht so so modern. So irgendwie sehr umständlich.
Jens: schon, wie der so anfängt.
Caroline: ätzend!
Lehrerin: wie denn? Wie fängt er denn an?
Kathrin: Laura hat recht. So irgendwie so umständlich! Also, wo würde ich nicht erzählen!
Lehrerin: aber – wie erzählt er denn nun? Vielleicht lesen wir einfach mal gleich den Anfang. Jens, probieren Sie´s mal?
Jens: ehm. Ok. (liest den Text wenig sinnverstehend vom Blatt ab):

Heinrich von Kleist
Das Erdbeben von, ehm: in Chile, Chili

In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblick - Augenblicke der großen - hm? - Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen um- - ihren Untergang fanden, ein junger – Moment: ich muss noch mal Luft holen – also: ein junger Spanier, der – ein - auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in das – in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken – erhängen. Don Henrico Asteron -

Jan: Asterix!
Jens: also – der erzählt wirklich umständlich!
Tobias: und wie. Finde ich auch.
Caroline: und alleine schon die Wortwahl: zärtliches Einverständnis und so.
Lehrerin: und trotzdem! Sie verstehen schon, was Kleist sagen will; oder?
Sebastian: inhaltlich eher schon. Also, da geht es um ein Erdbeben. Und das erwischt -
Lehrerin: gut. Lassen Sie uns zunächst über den Inhalt sprechen. Worum geht’s?
...

Und dann geht’s um den besagten Inhalt der Novelle; um das, was sich da ereignet hat, und wer davon betroffen war, und wie die Geschichte ausgegangen ist, und wie einem die Hauptpersonen leid tun könnten, und was Kleist mit dieser Geschichte hat sagen wollen. Und welche Gefahr Erdbeben bis heute sind. Und dass dieser Kleist auch so bis heute sehr aktuell ist usw. usf.

Wie strukturiert die Unterrichtende diese Unterrichtssequenz? Inwiefern regt sie zur Praxis der Interpretation der Novelle an? Inwieweit fordert sie dazu heraus? (Oder auch nicht?) Und welche Methodik dieses Interpretationsgesprächs favorisiert sie? Welches Konzept der Vermittlung, der Schulung und der Förderung von Interpretationskompetenz hat sie im Kopf? Und, schließlich, welche Theorie der literarischen Interpretation, welche Theorien der Interpretation sind ihr vertraut? Mit welchen kennt sie sich so gut aus, dass sie sie darstellen, erläutern, begründen – und exemplifizieren kann? Und – welche Vorstellung von dem, was eine authentische Interpretation ausmacht, möchte sie vermitteln?

Lassen Sie uns zunächst über den Inhalt sprechen. Worum geht’s? – Sicher eine der kritischen Interventionen der Lehrerin. Sie überspringt, scheint es, die Verstehensprobleme (nicht nur) des Vorlesenden, anstatt sie zur Sprache kommen zu lassen. Sie umgeht damit, mag man denken, die elementare Provokation jeder Interpretation: die eines Brückenschlags zwischen der Sprache und der Welt des Textes und der eigenen Welt und Sprache. Sie nimmt, ist zu vermuten, auf eine zwar übliche, aber wenig überzeugende Auffassung vom Unterschied zwischen der Form und dem Inhalt eines Textes Bezug. Und mehr.

Wann und wo (und wie) üben Unterrichtende eine andere Praxis, Methodik, Didaktik und Theorie der Interpretation ein? (Bestimmt nicht bei einer unkritischen Übernahme von Meisterexegesen in Universitätsseminaren. Eben so wenig durch eine Anpassung an naive identifikatorische Lektüren.)

Und - wo hätte ein Beratungsgespräch anzusetzen, worauf könnte es abzielen? Sich auf eine pragmatische, eine psychologische Erörterung des Unterrichtsgesprächs zu konzentrieren, das würde hier ganz offensichtlich an den literaturdidaktischen Implikationen ihres Konzepts von (Einübung ins) Interpretieren vorbeigehen. Denn mit keiner noch so intelligenten gesprächspsychologischen Intervention trifft man an diesem Punkt den Kern ihrer Unterrichtsgesprächsführung: das ins Spiel kommende Konzept der Argumentation über literarische Interpretationen - und seine verstehenstheoretischen Implikationen.


* Vergl. meine kritischen Anmerkungen zur wissenschaftlichen Praxis der Exemplifizerung von Interpretationstheorien
** Kontext: Seminar Interpretationstheorien